Der Europäische Qualifikationsrahmen (EQR)

Hintergrund

Im Dezember 2004 beschlossen die europäischen Bildungsminister das so genannte Maastricht-Kommuniqué. Dieses beinhaltet neben anderen Punkten im Kern die Übereinkunft, einen Europäischen Qualifikationsrahmen (EQR) sowie ein europäisches Kreditpunktesystem für die berufliche Bildung (ECVET) zu entwickeln. Im Zentrum stand dabei die Frage, wie gemeinsame Bezugsebenen (Stufen) zu definieren sind, um eine schlüssige Hierarchie für die Einordnung von Qualifikationen zu ermöglichen. Es sollte ein Meta-Rahmen entwickelt werden, der alle Ebenen der allgemeinen und beruflichen Bildung, einschließlich Hochschule umfassen sowie einen starken Bezug zum Arbeitsmarkt haben sollte.
Im Sommer 2005 hat die Europäische Kommission einen Vorschlag, der die Grundzüge der Gestaltung eines EQR beinhaltet, vorgelegt.

Mit dem EQR ist die Zielsetzung verbunden, eine auf alle Bildungssysteme in Europa anwendbare gemeinsame Beschreibung von Qualifikationen zu entwickeln.
Tragendes Prinzip des EQR ist die Orientierung an Lernergebnissen. 
Sie werden definiert als die im Rahmen eines Bildungsgangs

  • durch Berufserfahrung oder
  • auf informellem Wege erworbenen Kenntnisse,
  • Fertigkeiten und
  • Kompetenzen.

Aussagen über Ausbildungsdauer, -ort und -form spielen explizit keine Rolle. Mit Hilfe dieses Ansatzes ist es möglich die Lernergebnisse eines jeden Bildungsgangs in neutraler Form zu beschreiben, ohne einen unmittelbaren Vergleich vorzunehmen oder das Bildungs- bzw. Qualifikationssystem eines einzelnen Landes als Referenz heranzuziehen. Der EQR stellt somit einen neutralen Rahmen her, auf den jede Qualifikation bezogen werden kann.

Der EQR soll als ein Kommunikations- und Übersetzungsinstrument im europäischen, aber auch nationalen Kontext zu verstehen sein. Lernergebnisse aus unterschiedlichen Bildungssystemen und -gängen können, auf der Grundlage allgemein verbindlicher Beschreibungen, Bezugsebenen zugeordnet und damit vergleichbar gemacht werden.

Der EQR soll es Bürgern und Bürgerinnen ermöglichen, sich innerhalb der unterschiedlichen europäischen Bildungssysteme zu bewegen und die eigenen Lernergebnisse und Qualifikationen einzuordnen.
Politische Entscheidungsträger, Bildungseinrichtungen und andere Anbieter sollen gleichzeitig in die Lage versetzt werden, Lernangebote einem europaweit verständlichen Bezugsrahmen zuzuordnen und damit die Vergleichbarkeit zu fördern. Des Weiteren kann der EQR dazu beitragen, die Anerkennung informell erworbener Kompetenzen sowie die Verbesserung der Durchlässigkeit zwischen den Bildungssystemen (vor allem berufliche Bildung zu Hochschule) zu fördern.


Ein Qualifikationsrahmen (QCR) soll:

  • Transparenz von Qualifikationen / Kompetenzen schaffen;
  • die Durchlässigkeit zwischen dem allgemein bildenden, beruflichen und hochschulischen Bildungsbereich befördern;
  • in informellen Lernprozessen erworbene Kompetenzen berücksichtigen;
  • die Mobilität auf dem Arbeitsmarkt ermöglichen.

Mit einem Europäischen Qualifikationsrahmen, der Lernergebnisse als Kompetenzen klassifiziert, sollen sich Niveaus von Tätigkeitsanforderungen und Kompetenzprofile unabhängig von Bildungsabschlüssen typisieren lassen. Arbeitgeber und Arbeitnehmer können damit gewünschte bzw. verfügbare Fähigkeiten transparent beschreiben und darstellen - präziser als nur mit formalen Abschlüssen und Zeiten der Berufserfahrung. Im Bildungssystem sollen sich mit einem kompetenzorientierten Referenzrahmen Bildungsgänge und Bildungsangebote europaweit abschlussneutral darstellen und aufeinander beziehen lassen. Lernergebnisse (auch informell erworbene) sollen sich qualifikations- und bildungsbereichsübergreifend anrechnen und Lernprozesse lernortunabhängig und grenzüberschreitend organisieren lassen.

Damit der EQR seine Funktion wahrnehmen kann, muss die Beschreibung der Lernergebnisse eindeutig, systematisch und neutral sein. Der von der Europäischen Kommission vorgelegte Entwurf sieht eine einheitliche Beschreibungssystematik der jeweiligen Niveaus des EQR vor. Dabei greift die Kommission auf die Begriffe Kenntnisse, Fertigkeiten und Kompetenzen im weiteren Sinne zurück (Knowledge, Skills and wider Competences). Die Begriffe stellen grundsätzlich ein tragfähiges Fundament für einen EQF dar, insbesondere durch den erweiterten Kompetenzbegriff.

Die drei Deskriptoren werden wie folgt unterschieden:

Kenntnisse (Knowledge)

Unter "Kenntnissen" sind Fakten-, Erfahrungs- und theoretisches Wissen zu verstehen. Die Abstufungen reichen von der Wiedergabe allgemeinen Basiswissens bis zur Nutzung von Spezialwissen und zur Verknüpfung komplexer Wissensbestände.

Fertigkeiten (Skills)

Unter "Fertigkeiten" werden im EQF Kenntnisse und Erfahrungen erfasst, die für die erfolgreiche Ausübung einer spezifischen Aufgabe oder eines Berufs erforderlich sind. Das Spektrum reicht von Basis-Fertigkeiten, um einfache Aufgaben auszuüben, bis zur Ausprägung  neuer Fertigkeiten, die auf den Anforderungen neuer Technologien oder Erkenntnisse beruhen.

Kompetenzen im weiteren Sinne (Wider Competences)

"Kompetenzen im weiteren Sinne" umfassen "Selbständigkeit und Verantwortlichkeit", "Lernkompetenz", "kommunikative und soziale Kompetenzen" sowie die "professionelle und berufliche Kompetenz".

Im EQR werden Kenntnisse, Fertigkeiten und Kompetenz in 8 Niveaus eingestuft.

Der EQR wird auch als Meta-Qualifikationsrahmen bezeichnet. Damit ist gemeint, dass Bildungsgänge nicht unmittelbar einem EQR-Niveau zugeordnet werden sollten, sondern zunächst einem Niveau in einem nationalen Qualifikationsrahmen (NQR), das seinerseits dann einem EQR-Niveau entspricht. Hierdurch können nationale Besonderheiten der Bildungssysteme besser berücksichtigt werden.
Bisher haben nur wenige europäische Staaten umfassende nationale Qualifikationsrahmen entwickelt (Irland, Schottland, England).
Deutschland hat sich für die Entwicklung eines nationalen Rahmenwerks (NQR) für die berufliche und die allgemeine Bildung entschieden, der dann nicht nur diejenigen Abschlüsse umfasst, die bisher im Rahmen des Berufsbildungsgesetzes geordnet wurden, sondern auch alle schulischen Abschlüsse sowie den Bereich der Weiterbildung und die Hochschulbildung.

Für die Entwicklung des deutschen NQR sind u.a. folgende Arbeiten zu bündeln bzw. zu integrieren:

  •  Die Anbindung berufsvorbereitender Maßnahmen an das Qualifikationssystem durch die Entwicklung von Qualifizierungsbausteinen.
  •  Die Verknüpfung schulischer Lernwege mit den Qualifikationen des dualen Systems durch die Zulassung zur Abschlussprüfung im Rahmen des neuen Berufsbildungsgesetzes.
  •  Die Verankerung einer möglichen Anrechnung beruflicher Qualifikationen auf Hochschulstudiengänge in den Landesgesetzen.

Das BIBB hat die vorgeschlagenen Niveaustufen und deren Deskriptoren geprüft und Empfehlungen und Ergebnisse in einem Bericht zusammengefasst („Fachlicher Prüfbericht zu den Grundbegriffen und Deskriptoren des Entwurfs für einen Europäischen Qualifikationsrahmen“ Dezember 2005 www.bibb.de/de/25717.htm). Der Prüfbericht empfiehlt u.a. die Deskriptoren des EQR eingehend im Hinblick auf die Parallelität der Lernorte „Praxis“ und „Berufsschule“ zu prüfen.

Ausblick

Der EQR hat – im Zusammenhang mit der Entwicklung eines Kreditpunktesystems für die berufliche Bildung – das Potential, neue Impulse für die Durchlässigkeit zwischen den Bildungssystemen in Europa und innerhalb eines Bildungssystems zu geben. Diese Impulse unterstützen Reformbemühungen in Deutschland und können ihnen eine neue Dynamik geben.
Praktische Bedeutung kann ein Europäischer Qualifikationsrahmen aber erst erlangen, wenn die Mitgliedstaaten die Leistungen ihrer Bildungssysteme und sonstigen Qualifizierungsmaßnahmen kompetenzorientiert beschreiben, gegebenenfalls nationale Qualifikationsrahmen entwickeln und die Praktikabilität erproben. Die Kommissionsempfehlung zu einem EQR sollte daher eine mehrjährige Testphase vorsehen. Diese wird auch vor dem Hintergrund des noch zu entwickelnden und zu erprobenden europäischen Leistungspunktesystems, für welches der EQR einen Bezugsrahmen darstellt, für unabdingbar gehalten.

Die Bildungsminister der Europäischen Union verständigten sich im November 2006 auf eine erste politische Einigung zum Vorschlag der Europäischen Kommission für einen Europäischen Qualifikationsrahmen für Lebenslanges Lernen (EQR).

Während der deutschen Ratspräsidentschaft im ersten Halbjahr 2007 will sich die Bundesregierung dafür einsetzen, dass der Ministerrat zusammen mit dem Europäischen Parlament den EQR rasch beschließt.

Quellen:
BMBF
BIBB

Informationen der EU

Ansprechpartner im BIBB

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