Politikfelder und Themen der politischen Bildung
In einer ‚repräsentativen’ Demokratie regieren sich die Bürgerinnen und Bürger nicht direkt selbst, sondern sie erteilen Politikerinnen und Politikern ein zeitlich begrenztes Mandat. Politik und politische Bildung finden aber natürlich nicht nur in den Parlamenten und Gemeinderäten statt, sondern praktisch überall: in Betrieben, Vereinen, bei Versammlungen, in Bürgerinitiativen, in Fernsehdiskussionen, auch an Stammtischen und im Urlaub, wenn man mit Fremdem konfrontiert wird – also überall, wo Öffentlichkeit herrscht und Menschen miteinander in Kontakt kommen.
Politische Bildung ist dann das Bemühen, ein wenig Ordnung in diese ‚chaotisch’ anmutende öffentliche Vielfalt zu bringen und entsprechende ‚Politikfelder’ zu strukturieren. Dabei lässt sich in den letzten Jahren eine zunehmende ‚Entgrenzung’ des Politischen feststellen:
Die Politikfelder sind differenzierter, aber auch zahlreicher geworden. Vieles wird heute fast selbstverständlich als ‚politisch’ bedeutsam bewertet, was früher in der öffentlichen politischen Auseinandersetzung und in der politischen Bildung eher beiläufig beachtet wurde - Natur, Ernährung, Kunst, Kultur, Religion, Formen des Zusammenlebens u.a. sind durchaus nicht mehr nur Privatangelegenheiten. Das Themenspektrum der politischen Bildung ist so vielfältig wie unsere Welt: Manche Themen (wie z.B. über unsere Werte) bleiben immer aktuell, andere z.T. heftig umstrittene Politikfelder geraten gelegentlich rasch in Vergessenheit. Derzeit spielen in der politischen Bildung einige Themen eine besonders gewichtige Rolle:
- die Konsequenzen der ambivalenten, ebenso chancenreichen wie problematischen Globalisierungsprozesse;
- die Nord-Süd-Konflikte und deren Auswirkungen (Migrationsbewegungen und Integrationsprobleme);
- Umweltzerstörungen mit globalen Auswirkungen bei zunehmendem Bewusstsein von der Endlichkeit unserer natürlichen Ressourcen;
- ethnische Konflikte und religiöse Fundamentalismen, die soziale und politische Konflikte ‚aufheizen’;
- sozio-kultureller und ökonomisch-technologischer Strukturwandel mit vielen z.T. tief greifenden Konsequenzen (Arbeitslosigkeit, Wertewandel, „Risikogesellschaft“);
- Krise der öffentlichen Finanzen und deren Auswirkungen; Erosion der sozialen Sicherungssysteme
- Klimawandel.
Besonders problematisch für die politische Bildung: Die Politik- bzw. Politikerverdrossenheit, politisches Desinteresse und die Diskrepanz zwischen akutem Problemlösungsdruck und (vermeintlich, scheinbar oder tatsächlich) abnehmender Problemlösungskomeptenz führen zu Zweifeln an der Zukunftsfähigkeit unseres demokratischen Systems, zu Verschwörungstheorien und zu resignativen Tendenzen: Und das ist/wäre Gift für unsere Demokratie.
Moderne Gesellschaften sind geprägt von einer Gleichzeitigkeit des Gegenläufigen:
- Die Schere zwischen Armen und Reichen öffnet sich, Gerechtigkeitslücken entstehen, und die Ausdifferenzierung sozialer Milieus zerklüftet die Gesellschaft.
- Resignativ-apolitisches Verhalten, die Attraktivität einfacher Welt- und Feindbilder bzw. Stammtischparolen nehmen zu – gleichzeitig aber mischen sich immer mehr Bürgerinnen und Bürger aktiv ein (nicht immer zur Freude der gewählten Repräsentanten).
- Vermeintliche Globalisierungsgewinner träumen von Chancen – gleichzeitig wächst das Aggressionspotential vor allem bei Jugendlichen mit Zukunftsängsten.
Die politische Bildung kann – selbstverständlich – diese Probleme nicht lösen, und man darf die politische Bildung auch nicht überfordern, instrumentalisieren und erst recht nicht missbrauchen zur ‚Akzeptanzbeschaffung’ – aber wenn es darum geht, gemeinsame Meinungsbildungs- und Verständigungsprozesse zu organisieren und zu gestalten, ist politische Bildung not-wendig.










