Kulturelle Bildung
‚Kultur’ (von lat.: cultura = Pflege, Landbau; bei Cicero: cultura animi = die Pflege der Seele) umfasst alle Facetten menschlicher Lebenstätigkeit. Im weiteren Sinne also umfasst (Human-)Kultur alle Prozesse, in denen sich der Mensch mit seiner Umwelt auseinandersetzt und dabei Normen für das Zusammenleben mit anderen Menschen entwickelt.
Kultur beschreibt also, wie wir leben, wie wir miteinander und mit der Umwelt umgehen, wie wir Vergangenes tradieren und uns auf die Zukunft vorbereiten. Lapidare Kurzformel für diesen ‚erweiterten’ Kulturbegriff:
Kultur ist, wie wir leben.
In einer eingeschränkteren und gebräuchlicheren Bedeutung bezeichnet ‚Kultur’ den
geistig-künstlerischen Bereich, der der Entfaltung menschlicher Kompetenzen dient:
Erkenntnisse, Wissen, Bildung, Ethik, Ästhetik, Kunst, Literatur, Musik, Wissenschaft,
künstlerisches Gestalten, Musizieren…)
Die folgenden Seiten beziehen sich auf diese gebräuchliche Bezeichnung von Kultur.
Die Unterscheidung zwischen ‚hoher’ und ‚niedriger’ Kultur (z.B. zwischen E- und U-Musik, zwischen künstlerischem Schaffen und kunsthandwerklichem Gestalten, zwischen Welt- und Volksmusik o.a.) hält sich hartnäckig, hat auch eine gewisse typologisierende Berechtigung, ist aber inzwischen obsolet und lässt sich nicht mehr überzeugend definitorisch trennen. Diese Unterscheidung ist eine eher sozio-ökonomische oder gar ideologische als eine wissenschaftliche.
Die kulturelle Bildung befasst sich mit diesen Facetten menschlicher Lebenstätigkeit und bemüht sich, die Menschen in ihrer Persönlichkeitsentwicklung zu unterstützen und dazu beizutragen, dass die Menschen am kulturellen Leben nicht nur teilnehmen, sondern auch teilhaben können.
In einer Zeit, in der die Tendenz zu einer 'Verbetriebswirtschaftlichung' weiter Lebensbereiche zunimmt, gerät auch die Kulturelle Bildung unter Legitimationsdruck. Immer weitere Lebensbereiche werden reinen Rationalitäts- und Nützlichkeitserwägungen unterworfen mit der Folge, dass (auch) die kulturelle Bildung vor allem als Kostenfaktor, nicht aber als Investition in eine zukunftsfähige Gesellschaft gewertet wird. Mit Besorgnis sollte registriert werden, dass auf diese Weise auch die Weiterbildung zunehmend zur bloßen Anpassungsqualifikation umdefiniert wird, also: zum Mittel betriebswirtschaftlicher Rationalität.
Die Konsequenzen einer derart ökonomistischen Engführung hat bereits jemand vor über 100 Jahren erkannt. Friedrich Nietzsche:
„Man sehe nur erst in der Bildung etwas, das Nutzen bringt:
so wird man bald das, was Nutzen bringt, mit der Bildung verwechseln.“
Aber: Nicht nur kulturelle Weiterbildung ist entschieden mehr als bloße Anpassungsqualifikation oder Informationsmanagement! Ist es inzwischen wirklich altmodisch geworden, daran zu erinnern, dass der Mensch mehr ist als ein informationsverarbeitendes Lebewesen? Sollen wir uns damit abfinden, dass auch die Bildung immer stärker einem Nützlichkeitskalkül unterworfen wird?
Unsere Kulturgeschichte ist – und zwar mit Recht! – stolz darauf, dass Bildung dazu beigetragen hat, die Verhältnisse menschlicher, humaner zu gestalten. Heute drängt sich gelegentlich der Verdacht auf, dass Weiterbildung nicht mehr dazu dienen soll, die Verhältnisse menschlicher, sondern die Menschen verhältnismäßiger zu machen, nämlich: flexibel, mobil und anpassungsfähig an die Anforderungen des Arbeitsmarktes.
Nun mag man einwenden, dass der konservativ klingende Bildungsbegriff à la Humboldt, der Bildung immer auch als Beitrag zur Persönlichkeitsentwicklung verstanden hat, sei inzwischen überholt, wenn nicht gar mausetot, denn schließlich lebten wir in einer Informations-, Wissens- und Leistungsgesellschaft.
Nur: Stimmt das überhaupt? Und was bedeutet das für die Relevanz derkulturellen Bildung? Vor allem sollte bedacht werden, dass wir entschieden weniger in einer Leistungs- als in einer Erfolgsgesellschaft leben, in sich der auch die Kultur allzu häufig an Verwertungsinteressen orientieren soll:
Nicht, ob etwas sinnvoll, wertvoll oder wünschenswert ist, entscheidet in der Regel, sondern ob es
- machbar
- durchsetzbar oder
- refinanzierbar bzw. kostendeckend ist.
Das Sollen verblasst neben dem Können, und auch die kulturelle Bildung wird zunehmend einem Kosten-Nutzen-Kalkül unterworfen.











