Unternehmerisch Denken für Menschen mit Behinderung
Cafeteria "Entrée"
Die Remstal Werkstätten, anerkannte Werkstätten für behinderte Menschen, betreiben im Gesundheitszentrum des Kreiskrankenhauses Schorndorf die Cafeteria "Entrée". In diesem Betrieb arbeiten Menschen mit und ohne Behinderungen. Sechs geistig und teils körperlich sowie ein psychisch eingeschränkter Teilnehmer der Remstal Werkstätten bedienen dort die Gäste, schenken Kaffee aus, verteilen belegte Brötchen, bewirten Tagungen – kurz: Sie sind die guten Seelen der Cafeteria. „Und alle Gäste sind total begeistert und loben die Freundlichkeit“, berichtet Regina Weiße, Geschäftsführerin der Remstal Werkstätten.
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Der Fortbildungsbedarf
Durch die Rahmenbedingungen des Cafés (Öffnungszeiten, Angebot, Kundenkontakte etc.) einerseits und die gesetzlichen Vorgaben andererseits, ergab sich ein Schulungsbedarf für die gehandicapten Mitarbeiter/-innen.
Grundlegende Überlegungen für das Schulungskonzept waren:
- Menschen mit geistiger Behinderung benötigen, mehr noch als andere Arbeitnehmer/-innen, nachvollziehbare, aufeinander aufbauende, klar strukturierte Erklärungen über die Hintergründe und Zusammenhänge dessen, was sie erlernen sollen und spezielles Material in einfacher Sprache mit vielen Bildern.
- Die behinderten Kollegen im "Entrée" lernten schnell Küchen- und Servicearbeiten zu übernehmen, hatten aber Mühe einen Blick für das Ganze zu entwickeln. Ohne, dass sie klare Arbeitsanweisungen erhielten, wurden anfallende Arbeiten nicht oder nur vereinzelt wahrgenommen. Ein relativ selbständiges und verantwortungsbewusstes Handeln ist aber in einem doch recht kleinen Team notwendig.
- Im Blick darauf, dass der Aussenarbeitsplatz im Cafe für eine Tätigkeit in der freien Wirtschaft qualifizieren soll, ergibt sich auch die Notwendigkeit den Mitarbeitenden das "Prinzip Unternehmen" in seiner Komplexität zumindest in den Grundsätzen zu verdeutlichen. Mitarbeitende, die einen Betrieb aus Sicht des Arbeitgebers betrachten, übernehmen mehr Verantwortung, identifizieren sich stärker mit dem Betrieb und denken und handeln langfristig problemlösungs- und zielorientierter.
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Ein innovatives Konzept
Das Fortbildungsangebot wurde neben fachlichen Themen um den Themenbereich Unternehmensgründung (Grundstrukturen eines Unternehmens, Fragen der Qualitätssicherung, Erstellen eines Businessplans) ergänzt.
Dieser Ansatz, die Mitarbeitenden in die Rolle des Arbeitgebers schlüpfen zu lassen, um ihnen so die Möglichkeit zu eröffnen auch ihre Tätigkeit aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten ist - vor allem im Bereich der Behindertenarbeit – sowohl neu als auchungewöhnlich.
In der Regel werden behinderten Menschen mit solch komplexen und theoretischen Themen nicht "behelligt". Es zeigte sich während der Fortbildung, dass die Leistungsfähigkeit und das Interesse der Teilnehmer/-innen weitaus größer sind, als angenommen wurde. Insgesamt war eine enorme Steigerung der Motivation etwas Neues zu lernen, während der Fortbildung zu verzeichnen. So trauten sich die Teilnehmer nach und nach an Themen heran, die für ihr bisheriges Arbeitsleben in dieser Form keine Rolle gespielt hatten. Es gab auch für die Teilnehmer/-innen keinen Zweifel daran, dass ein Wechsel der Blickrichtung ihnen auch in anderen Lebensbereichen neue Möglichkeiten eröffnet und sie eine Handlungskompetenz entwickeln, die sie auch in ihrer persönlichen Entwicklung nachhaltig positiv beeinflusst und stärkt.
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Inhalte der Schulung
Um die notwendigen fachlichen Kompetenzen zu vermitteln und den Vorschriften und Gesetzen zu entsprechen wurden in Zusammenarbeit mit einer Diplomandin der Hochschule Sigmaringen für Lebensmittel, Ernährung und Hygiene Schulungsmaterialen entwickelt zu den Themen: Persönliche und betriebliche Hygiene, Infektionsschutz, Lebensmittelkunde, Arbeitssicherheit, Unfallverhütung, Erste Hilfe,Umweltschutz, Energiemanagement, Ergonomie.
Das gesamte Material wurde in einfacher Sprache und mit Symbolen und Bildern erstellt. Trotz aller Vereinfachung, war Fachlichkeit ein wichtiges Kriterium.
Für die Wiederholung und die Lernzielkontrolle wurden Spiele zur Arbeitssicherheit, Recycling und Kaufverhalten usw. ausgearbeitet, die durch ihre Aufmachung und Spielweise auch strategisches und planvolles Denken erfordern und sowohl die sprachliche, als auch die soziale Kompetenz fördern. Zu bestimmten Themen, wie beispielsweise der Arbeitsplatzhygiene werden u.a. Lehrfilme eingesetzt.
Um, im Sinne eines team- und kundenorientierten Arbeitens, gerade im Dienstleistungssektor, handlungsfähig zu sein, bedarf es weiterer Kompetenzen, als den rein fachlichen. Diessind vor allem die sozialen und personalen Kompetenzen (soft skills).
Hierfür wurden Unterlagen und Methoden ausgearbeitet zu den Themen: Sprachliche Kompetenz, Verantwortungsbewusstsein, Flexibilität, Organisationsfähigkeit, Teamorientierung, Kritikkompetenz, Selbständigkeit, konstruktive Haltung, Identifikation mit dem eigenen Handeln.
Für das Einüben eines adäquaten Umgangs mit Kunden, sind praktische Einheiten (Rollenspiele) beschrieben, die mit Video aufgezeichnet und anschließend gemeinsam ausgewertet werden.
Um das Tätigkeitsfeld in der Gastronomie besser kennen zu lernen, sind im Konzept außerdem Exkursionen in vergleichbare Einrichtungen vorgesehen.
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Evaluation
Die gesamte Fortbildung (insgesamt 1050 Stunden, Theorieeinheiten analog dem Berufsschulunterrichts an einem Tag in der Woche) wurde am Ende ausgewertet bzgl. der angewendeten Methoden, Unterrichtsmaterialien und der Fachlichkeit der Dozenten. In einem leitfadengestützten Interview wurden die Teilnehmer/-innen der Schulung zu den einzelnen Bereichen befragt. Die Ergebnisse wurden ausgewertet und dienen der Verbesserung der Weiterbildungsmaßnahme.
Die Rückmeldung aus dem Betrieb und evtl. von den Kunden des Cafés soll ebenfalls über eine entsprechende Erhebung stattfinden. Für die Abfrage der Kunden wurde ein standardisierter Fragebogen erstellt, das Personal des Cafes wurde mittels eines Leitfaden gestützten Fragebogens interviewt.
Der Lernerfolg wurde über Wissenspiele, Wettbewerbe und Quiz kontrolliert. Das Ergebnis von über 95% korrekt beantworteter Fragen, zeigt die Effizienz der gewählten Methoden.
Weiterbildungs-Innovationspreis
Für ihr Fortbildungskonzept für Menschen mit Behinderung im Gastronomiebereich haben die Remstal Werkstätten der Diakonie Stetten den Weiterbildungs-Innovationspreis (WIP) 2008 des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) erhalten. Der mit 2.500 Euro dotierte WIP-Preis ist von Kultusminister Helmut Rau und BIBB-Präsident Manfred Kremer auf der Bildungsmesse „didacta“ überreicht worden.
„Mit dem Schulungskonzept wird behinderten Menschen auf vorbildliche Weise – arbeitsmarktorientiert und zielgruppenadäquat – die Möglichkeit zur Teilnahme an Arbeit und gesellschaftlichem Leben ermöglicht“, begründet das BIBB die Auszeichnung des Konzepts.
„Der beruflichen Qualifizierung und Weiterbildung kommt eine herausragende Rolle zu, wenn es darum geht, die Wettbewerbsfähigkeit unserer Wirtschaft zu sichern und Arbeitsplätze zu erhalten“, erklärt Kultusminister Helmut Rau bei der Preisverleihung. „Der Wettbewerb zwischen den Unternehmen wird zunehmend über qualifizierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter entschieden.“
Für Anett Wangerowski, Mitarbeiterin der Remstal Werkstätten, die die Schulungen entwickelte und durchführte ist der Preis eine Anerkennung ihrer Arbeit im Bereich „Berufliche Qualifizierung und Bildung“ der Remstal Werkstätten. „Leider ist für viele die Bildungsarbeit häufig noch ein sehr unterbelichteter Bereich in der Eingliederungsarbeit.“ Doch die Aufträge an die Remstal Werkstätten würden immer komplexer werden, einfache Tätigkeiten würden mehr und mehr ins Ausland verlagert und fielen weg. „Weiterbildung muss selbstverständlicher werden.“ Es sei keineswegs so, dass die behinderten Menschen der Remstal Werkstätten alle ausgelastet seien mit ihrer Arbeit. „Sie wollen mehr wissen und auch mehr lernen!“ Und wenn das Umfeld des neuen Arbeitsplatzes begriffen werde, sei viel besseres Arbeiten möglich.
Kontakt:
Anett Wangerowski
Remstal Werkstätten
Bereich berufliche Qualifizierung und Bildung (BQB) Oppenländerstraße 37
71332 Waiblingen
Tel.: 07151 9531-4403
Mail: anett.wangerowski[at]diakonie-stetten.de
Internet: www.remstal-werkstaetten.de

















